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„Neue Ortszeit“ für Gräfenroda

01. 02. 2021

Vielen Bürgern von Gräfenroda wird inzwischen aufgefallen sein: Unsere Kirchturmuhr zeigt seit ein paar Tagen wieder eine genaue und verlässliche Zeit an. Konkret ab Sonnabend dem 23. Januar 2021 15.00 Uhr haben wir nun eine moderne und zeitgemäße Funkuhrenanlage auf dem Kirchturm. Das neue Modell stammt von dem traditionsreichen, seit 1861 bestehenden Turmuhrenhersteller Perrot aus Calw, und wurde von der Firma Holger Brandt/Jena installiert.

 

Das bis dato mechanische Turmuhrwerk, der bis 1972 hier ansässigen Firma Kühn, Baujahr 1962, war in die Jahre gekommen, und der Zahn der Zeit hatte an den Teilen der Antriebsmaschine tüchtig genagt. Diverse Reparaturen waren von Zeit zu Zeit nötig um das Uhrwerk am Laufen zu halten. Der allgemeine Zustand war als marode zu bezeichnen. Eine Generalüberholung, wie von der Denkmalschutzbehörde gefordert, wäre mit einem hohen Kostenfaktor verbunden und wirtschaftlich unsinnig gewesen. Am Ende hätte man immer noch eine alte Uhr, und in ein paar Jahren nochmals in eine neue Anlage investieren müssen. So entschloss sich unser Bürgermeister Herr Dominik Straube für die Anschaffung einer neuen Kirchturmuhr. (Der Kirchturm liegt in der Zuständigkeit der Gemeinde).

 

Das Vorgängermodell der bisherigen Uhr, aus den Anfangsjahren der 1816 gegründeten Firma Kühn Turmuhrenfabrik und mechanische Werkstatt, trägt das Baujahr 1822. Nachforschungen haben ergeben: Dieses Uhrwerk wurde aus verschiedenen Gründen erst 1827 auf dem hiesigen Kirchturm installiert. Sämtliche Einzelteile, einschließlich der Zahnräder wurden von Hand geschmiedet. (Weiterführende Literatur: Karl-Heinz Fischer, Turmuhren aus Gräfenroda). Das Uhrwerk ist nebst diversen anderen Kühn - Modellen im Heimatmuseum Gräfenroda – Ausstellungen zur Orts- und Industriegeschichte zu besichtigen.

In den 1950er bis in die 1960er Jahre gab es immer wieder, insbesondere von Seiten der hiesigen Schulleitung, Beschwerden über die ungenaue und unzuverlässige Zeitanzeige der Kirchturmuhr. Der Ruf nach einer neuen und genauen Uhr wurde über die Jahre immer lauter. Doch hierzu gab es ein wesentliches Problem. Zur damaligen Zeit in der DDR konnte man den Bau eines neuen Turmuhrwerkes nicht einfach in Auftrag geben, auch wenn eine ortsansässige Firma ihren Sitz gleich um die Ecke hatte. Man brauchte eine dementsprechende Genehmigung vom zuständigen Rat des Bezirkes Erfurt. Neubauten und Erneuerungen von Turmuhren unterlagen einem strengen Reglement, nachdem diese im Einzelfall nur für historisch wertvolle und bedeutsame Objekte genehmigt wurden. (Die Mangelwirtschaft lässt grüßen).

 

Nun gab es damals in Gräfenroda einen SED- Genossen, in einer etwas gehobenen Position, welcher bei der zuständigen Stelle beim Rat des Bezirkes Erfurt intervenierte und erreichte, dass eine diesbezügliche Genehmigung erteilt wurde. Allerdings mit Vorbehalt und unter gewissen Auflagen, welche bei näherer Betrachtung des Uhrwerkes zu erkennen sind. Dem Kenner von Kühn-Uhren Modellen fällt auf, dass es sich hier um kein reines Exemplar eines Kühn`schen Typenbaues handelt, es gibt auch kein Typenschild mit einer Werksnummer. Dieses Turmuhrwerk ist ein Unikat, also eine Einzelanfertigung. Es ist erkennbar, dass zum großen Teil gebrauchte und wiederaufgearbeitete Altteile verbaut wurden, bzw. auch mindere Qualität. Zum Teil wurde es halt so deklariert, aber es wurden auch neue Teile verbaut, schließlich musste die Uhr ja ordentlich funktionieren. Vermutlich waren die Bedingungen in etwa so vereinbart, um überhaupt eine Baugenehmigung zu bekommen. Ausgehend von einem Hauptwerk, welches typenbedingt nur einen Halbstundenschlag hat, wurde noch ein weiteres abgesägtes Schlagwerk gleicher Bauart angesetzt, um auch den Viertelstundenschlag zu realisieren. Vorteilhaft war, der damalige Erbauer, Herr Erich Kloß, hatte immerhin einen elektrisch automatischen Aufzug der Antriebsgewichte installiert, somit das tägliche Aufziehen der Uhr wegfiel. Die Anfertigung und Installation des Uhrwerkes kostete damals 6.000.- Mark der DDR.

 

Heute ist es mit neuen Turmuhren in historischen Gebäuden noch so wie in Zeiten der DDR, man braucht eine Genehmigung, wenn man sie erneuern will. Nun aber haben die Gründe und Vorbehalte einen denkmalschützerischen Aspekt. Unter Berücksichtigung aller Umstände und Auflagen haben wir von der unteren Denkmalschutz-Behörde die Genehmigung erhalten.


Das alte Uhrwerk wird demnächst vom Turm geholt, von mir und meinem Vereinsfreund Hartmut Großmann restauriert, und in die Sammlung Kühn`scher Turmuhrwerke in unserem Heimatmuseum eingereiht.


Heutige, noch erhaltene Turmuhren, als Bestandteil vieler Kirchen und historischer Bauwerke haben größtenteils nur noch traditionellen symbolischen Charakter. Man nimmt sie wahr im Vorübergehen, schaut zu ihnen auf, vertraut aber letztendlich der Zeitangabe seiner Quartz - oder Funkuhr am Handgelenk. Legte man sie gänzlich still, so fehlten sie uns trotzdem irgendwie, weil man sich an ihre Gegenwärtigkeit gewöhnt hat, und ihren weithin hörbaren Glockenschlag vermissen würde. Dieser ist nun in Gräfenroda, nebst der Zeitanzeige auf den 4 Zifferblättern, pünktlich und funkgenau zu hören.

 

Karl-Heinz Fischer
Heimatverein Gräfenroda e.V.

 

- Foto und Layout Hartmut Großmann -

 

Bild zur Meldung: „Neue Ortszeit“ für Gräfenroda