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777 Jahre Gera Geraberg Arlesberg – Der „Geraberg“ Gestern und heute

von Alexandra

Die Industrialisierung

Der erste Teil der Abhandlung beschäftigte sich mit „Dem Geraberg“. Der zweite Teil beginnt am anderen Ende des Ortes Geraberg – Arlesberg. Bis zum Zusammenschluss 1923 zu Geraberg war Arlesberg, auch Stotzhaus genannt, ein eigenständiges Dorf.

Der ehemalige Ort Arlesberg liegt am Fuße des gleichnamigen Berges. Im sog. Grund wurde 1569 ein Forsthaus gebaut. Damit begann auch hier die offizielle Geschichtsschreibung für dieses Gebiet. Bis ca. 1800 wurde in dieser Gegend vorwiegend Holzhandel, Pech- und Kienrußhandel, in bescheidenem Maße Landwirtschaft, Viehzucht und Bergbau betrieben. Dann entdeckte man viele Braunsteingruben am Mittelberg und ein ganz neuer Erwerbszweig entwickelte sich rasant in Form des Bergbaues, derzeit bekannt ab 1790 bis 1880. Mit Höhen und Tiefen, vorallem während des 1. und 2. Weltkrieges wurde der Bergabau betrieben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die eigentliche industrielle Entwicklung begann langsam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Carl Kellner und Hermann Schramm brachten nach ihrer Ausbildung 1873 die Anfänge der Thermometrie von Stützerbach nach Arlesberg. Alles begann mit Heimarbeit und der gezielten Ausbildung von Lehrlingen.

1884 baute Carl Kellner in Arlesberg an der Straße nach Geschwenda eine Thermometer- und Glasinstrumentenfabrik. Das Sortiment war sehr vielseitig, Fieberthermometer allerdings nur bis in die 30er Jahre und zum Schluss Aräometer. 1974 wurde die Produktion in der Fabrik nach ca. 100 Jahren eingestellt. Später wurde das Gebäude als Ferienlager genutzt und 2017 erfolgte der Abriss.

Ebenfalls 1884 baut ein Herr Mundt aus Elgersburg eine Fabrik zur Herstellung von Metallteilen für Thermometer. Diese Mund`sche Fabrik wird 1885 von der Fa. Jäger & Gen. aus Ilmenau übernommen und es beginnt auch hier die Thermometerproduktion im großen Stil. 1886 erfolgt die Gründung der Fa. Keiner, Schramm & Co. in Arlesberg als Zweigfirma von Alt, Eberhardt & Jäger aus Ilmenau. Hermann Schramm, Geschäftsführer und Bürgermeister, brachte einen Kleinbetrieb und Facharbeiter ein, ebenso auch Franz Keiner.

Im Laufe der Jahre entstanden immer mehr Klein- und Kleinstbetriebe und die Thermometerproduktion breitete sich von Arlesberg langsam nach Gera aus. Zu den größeren Thermometerfabrikanten in Gera zählten um ca. 1900 E. Tröster, W. u. K. Sturm, F. Schneider und viele andere. Insgesamt hat es in Geraberg (!) 103 Betriebe und Fertigungsstätten mit 216 Arbeitern gegeben.

In Branchenbüchern ab 1923 bis 1948 sind viele Firmen eingetragen. Da keine Straßen angegeben sind, ist es schwierig herauszufinden, wo sich die einzelnen Produktionsstätten befanden und wie viele Mitarbeiter es gab. Wer von alteingesessenen Familien kann noch Informationen geben?

Eine große Produktivitätsförderung brachte 1907 der Bau des Gaswerkes am Ortsausgang von Gera Richtung Angelroda. Das Arbeiten der Glasbläser mit Gas gestaltete sich wesentlich einfacher als das Blasen vor der sog. „Lampe“.

Ab 1946 wurden nach und nach fast alle in Geraberg ansässigen Thermometer herstellenden Betriebe in das neu gegründete Thermometerwerk (TWG) eingegliedert. Ebenso viele kleine Betriebe aus der ganzen Umgebung.

Nach der Wende 1989 gründeten sich neue Firmen heraus, wie Temperatur-Messtechnik- Geraberg GmbH mit Sitz in Martinroda, Elektrotherm GmbH, LKM Electronic GmbH, Service für Messtechnik GmbH, Heinz Messwiderstände GmbH Elgersburg, UST Umweltsensortechnik GmbH und die Geraberger Thermometerwerk GmbH, die jetzt als Geratherm Medical AG auf dem Geschwendaer Industriegelände ansässig ist, 150 Jahre nach den Anfängen!

Auf dem Gelände des ehemaligen TWG wurde nach komplettem Abriss der Gebäude eine große Edeka-Filiale errichtet.
Fast zeitgleich zur Thermometerindustrie entwickelte sich die Porzellanindustrie als weiteres Standbein im Zuge der Industrialisierung. 1882 erfolgte eine erste „Fabrikgründung“ durch die Porzellanarbeiter Kaufmann, Meusinger und Siptrott. 1883 übernahm der Geschäftsmann Cuno Kautz die Produktionsstätte am Ortsausgang von Gera Richtung Angelroda. Er musste leider im Jahre 1884 Konkurs anmelden. Carl Riemann, ein Oberrechner aus der Schierholz´schen Porzellanfabrik Plaue kaufte 1885 die kleine Porzellanfabrik in Gera. Ab 1886 leitet er sie gemeinsam mit seinem Schwiegervater Friedrich Wilhelm Günther. Ab 1890 ist Eduard Wagner Mitinhaber und die Fabrik wurde erweitert. Nach dem Tod von F. W. Günther wird E. Wagner 1896 alleiniger Inhaber der Fabrik, da Carl Riemann eine eigene Fabrik gründet am Ortsausgang von Gera Richtung Arlesberg. 1909 kauft Hugo Eger von der Witwe Wagner die Porzellanfabrik ab. Es erfolgte ein 3stöckiger Erweiterungsbau, der älteren Einwohnern sicher noch im Gedächtnis ist. Auch in der Riemann´schen Fabrik gab es Erweiterungen und Verbesserungen, wie z.B. elektrischen Strom. 1945 wurden beide Fabriken enteignet.

Ehemals „Eger“ kam 1950 zum VEB Porzellanwerk Gehren als Werk II und „Riemann“ als Werk IV ebenso. 1973 wurden beide Betriebe, wie viele andere in das Neue Porzellanwerk Ilmenau (NPI) integriert.

Die alte Riemann-Fabrik wurde 1977abgerissen. Nach der Wende siedelte sich hier ein kleiner Edeka-Markt an, der seit dem Edeka-Neubau auf dem ehemaligen TWG-Gelände jetzt als Lagerhalle genutzt wird.

Die Gebäude von ehemals „Eger“ wurden während des Hochwassers 1981 sehr stark beschädigt und mussten zum Teil abgerissen werden. Jetzt befindet sich die Fa. Bau-Igema auf diesem Platz. Damit war nach ungefähr 100 Jahren die Porzellan-Industrie in Geraberg Geschichte.

Im Zeitraum zwischen Landwirtschaft, Viehzucht, Kleingewerken, Handwerk und Bergbau und der großen Industrialisierungswelle entstand auf dem Gelände eines ehemaligen Eisenhammers in der Ortsmitte von Gera im Jahre 1710 eine Papierfabrik. Mit dem Einbau einer Dampfmaschine 1890/91 durch Franz Hintze wurde auch hier unter Verwendung einer Papierbahnmaschine die industrielle Fertigung eingeleitet. Nebenbei lief die Herstellung von Büttenpapier weiter. Diese Papiermanufaktur kann wohl damit als älteste Fabrik unseres Ortes bezeichnet werden, 250 Jahre Papierherstellung.

Nach Ende der Produktion verkaufte Arthur Hintze 1960 die Papiermühle an Herrn Winter, der größere Räume für seine Fa. Anthroposan (Herstellung homöopathischer Heilmittel) suchte. 1972 wurde der Betrieb in Volkseigentum überführt, hieß dann VEB Pharmazeutika. Nach der Wende wurde die Firma privatisiert und musste 2022 Insolvenz anmelden. Jetzt wird das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut.

Erstellt von Gabi Irrgang Juli 2023


Ein Wort in eigener Sache. Im letzten Artikel ist mir ein Fehler unterlaufen. Ein Name war falsch. Es muss heißen: Glasschleiferei Josef Jekal. Ich bitte um Entschuldigung.


Für Anmerkungen und Ergänzungen sind wir immer offen!
Die Geraberger Heimatfreunde

Papiermühle

Porzellanfabrik Eger mit Gasanstalt

Porzellanfabrik Riemann

Thermometerfabrik Kellner

Thermometerwerk um 1890

VEB Thermometerwerk Geraberg

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