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Chronik eines Baus meisterhafter Technik – 140 Jahre Brandleitetunnel im Thüringer Wald – Teil 1

von Alexandra

1872
– bereits in jenem Jahr  gab es Pläne, eine Eisenbahnlinie durch das Tal der „Wilden Gera“ zu führen. Die Umsetzung und Ausführung scheiterte allerdings in buchstäblich „letztem Augenblick“ an den zu hohen Kosten.
Die Deutsche Eisenbahn-Gesellschaft, die den Bau im Jahr 1872 ausführen sollte, kam dann noch in Zahlungsunfähigkeit, so dass sich auf Jahre hinaus niemand mehr an die Projektausführung wagte.

1879
– hatte Preußen einen Staatsvertrag mit allen beteiligten thüringischen Staaten ab, der alle bisherigen Hindernisse beseitigte. Die preußische Stadt Suhl bemühte sich sehr eifrig, dass die neue Strecke über Suhl geführt wurde. Nicht ohne Erfolg.

1880
– begann der Bau unter Leitung der Eisenbahndirektion Magdeburg.

1881
–  In Gräfenroda und seiner näheren Umgebung begann man im Frühjahr  mit dem Bau des sogenannten kleinen Tunnels im Schwarzbach. Unzählige ausländische Arbeiter wurden zu den Bahnarbeiten herangezogen. Sie kamen mit oder ohne ihre Frauen und trugen ihr gesamtes Hab und Gut in Tücher gebunden auf den Rücken. Die Maurer kamen fast ausschließlich aus Italien. Aus Bayern, Böhmen, Polen oder Schwaben kamen die Arbeiter für Erdarbeiten oder für den Brückenbau und für Durchlassarbeiten. Gräfenroda und Dörrberg beherbergten 400-500 Personen.
Trotz des Widerstandes gegen den Bau, brachte dieses Vorhaben den Einwohnern einen gewissen Wohlstand. So manches Vermögen konnte durch Verpflegung der vielen, und durchaus nicht sparsamen Männer und Frauen, erwirtschaftet werden. Die Gastwirtschaft „Dörrberg“ verbrauchte z. B. wöchentlich 3 Tonnen Hering. Von Bier und Schnaps, letzterer wurde nur in Schnittchen oder Biergläsern ausgeschenkt, gar nicht zu reden.

1882
– die Eisenbahndirektion Erfurt wurde errichtet. Die Strecken Suhl-Grimmenthal und Neudietendorf-Plaue waren in Betrieb. Es fehlte die Verbindung Plaue-Gräfenroda-Suhl. So musste der Postbote in dieser Zeit täglich zu Fuß nach Plaue, um früh 6 Uhr die Post abzuholen und diese in die umliegenden ehemals gothaischen Orte zuzustellen.
In der Gräfenrodaer Flur begannen die Arbeiten in demselben Jahr. Am 24. Januar d. J.  wurde im Ort das Baubüro eingerichtet. Im Februar begann man mit dem Holzeinschlag in der „Alten Lache“ und Ende Juli war das Wäldchen am „Rotebühl“ verschwunden. Das war auch der Platz, wohin der künftige Bahnhof von Gräfenroda errichtet werden sollte. Dieser Plan wurde jedoch durch verschiedenste Widerstände und Einwände letztendlich vereitelt.
Es waren nicht die einzigen Einwände und Widerstände,  die das Bauvorhaben immer wieder verhinderten. Die Mehrheit der Grundstücksbesitzer, mit denen man verhandelte, war nicht gewillt, ihre Felder dem „unnötigen“ Vorhaben zu opfern. Dann sollte auch noch der „Hammersrand“, ein idyllisch  geformtes Bergidyll, gelegen vor dem Forsthaus Dörrberg, mittig durchgraben werden. Ärger gab es auch am „Gereim“. Das kleine Stammhaus der „Eiser-Kellner“ mit dem hübsch gepflegten Garten vor der Wohnung des „alten Wilhelm“, musste weichen.
Die Arbeiten schritten trotz allem zügig voran. Am  31. Juli 1882 hallte der erste Pfiff einer Lokomotive, die u. a. zum Herbeischaffen des nötigen Baumaterials benötigt wurde, durch das Geratal. Im Laufe von Sommer und Herbst wurden die Steinbauten im Ried, Pfaffental, Geschwendaer Tal, Rosental, Schwarzbach, usw. errichtet.

1883
– Der geplante Bau schritt rasch voran. Am 7. Februar d. J. erfolgte der Durchbruch des Brandleite-Tunnels mit einer Länge von 3033 Metern. Fast gleichzeitig kam es auch zum Durchbruch des kleinen Tunnels im Schwarzbach mit einer Länge von 100 Metern. Es waren mühevolle und auch lebensgefährliche Arbeiten. So blieben leichtere und schwerere Unfälle nicht aus. Bei Sprengarbeiten im Schlagtal am 19. März 1883 wurden zwei böhmische Arbeiter, die Brüder Leopold Scheding, 22 Jahre alt und Peter Scheding, 24 Jahre alt tödlich verletzt. Das Unglück passierte, weil die Sprengladung nicht rechtzeitig explodierte, sich die Brüder nach einiger Zeit heranschlichen, als plötzlich die Detonation erfolgte. Die Brüder und ein weiterer böhmischer Arbeiter, Ferdinand Loy, der an Lungenentzündung gestorben war, wurden am Karfreitag unter großer Anteilnahme in ein gemeinschaftliches Grab gebettet. Der katholische Streckenpfarrer Schmermer und der Gräfenrodaer Superintendent Debes hielten die Grabreden.

1884
– Am 1. August wurde der Eisenbahnverkehr auf der neuerbauten Strecke der Verbindung Plaue-Gräfenroda-Suhl freigegeben. An diesen denkwürdigen Tag hatten sich viele Menschen aus Gräfenroda und den umliegenden Orten auf dem Bahnhof Gräfenroda eingefunden, um die ersten ankommenden Züge aus Erfurt und Suhl zu begrüßen. Mit dem Bau dieser Verbindung wurden zweifelslos unserer heimischen Industrie neue Aufstiegsmöglichkeiten gegeben. Allerdings war der Weg bis zur Eröffnung ein sehr beschwerlicher.

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Abschluss des ersten Teils. Im zweiten Teil  wird ein Heimatfreund berichten, der das Ereignis im Jahr 1951 dokumentiert hat – anlässlich des 70. Jubiläums dieses heroischen Bauwerkes.

Teil 2 folgt.

Text: Jochen Ehrhardt und Rotraut Greßler
Foto: Brandleittunnel bei Oberhof. Archiv R. Greßler

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