In die neue Welt: Auswanderer aus dem Geratal um 1850
Auf nach Amerika!
Eine Erzählung.
Da saßen sie nun und redeten sich die Köpfe heiß. Heinrich Tapert, der Wirt, schenkte nach. 1843 hatte er, der junge Metzgermeister, als erster Pächter das Schwarzburgische Forsthaus in Gräfenroda übernommen und viel Herzblut und Geld in das Anwesen gesteckt. Er war nun 38 Jahre alt, verheiratet mit Adelheide, geb. Frank, und mit wachsender Kinderschar gesegnet. Am Anfang hatte er noch große Pläne. Wer konnte auch damit rechnen, dass die Kartoffelfäule im nassen Sommer 1845 und die darauffolgende Teuerung jedwede Anstrengung auf Jahre schier zunichtemachen würde?
Jetzt, im Herbst 1851, blickte die im Wirtshaus versammelte Gesellschaft zurück auf diegescheiterte Revolution von 1848. Große Hoffnungen hatten sie alle gesetzt in die angestrebte Einheit Deutschlands und die in der Frankfurter Paulskirche erarbeitete neue Verfassung. Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha war zwar ein liberal eingestellter Herrscher, der beabsichtigte, viele der neuen Ideen tatsächlich umzusetzen und der Bevölkerung in Stadt und Land Erleichterungen zu verschaffen. Aber es ging alles zu langsam. Die Geduld der Gräfenrodaer war zu Ende.
Carl Winter – ein Verwandter des letzten Schwarzburgischen Oberforstmeisters Johann Heinrich Moritz Winter – war einer der Jüngsten am Tisch. Zusammen mit dem ebenfalls ledigen Wagnermeister Christian Tapert, dem jüngeren Bruder des Wirts, plädierte er dafür, die geliebte Heimat zu verlassen. Aber wohin? Russland? Der Zar war ein Gegner jedweder demokratischer, liberaler Bewegung. Brasilien? Zu gefährlich. Die englischen Staaten in Kanada, das wäre lohnend. Aus Plaue waren Gottlieb Großmeyer und Günther Würzler ins obere Geratal heraufgekommen. Auch sie schlossen sich dem Vorschlag an. Ebenso der Schlosser Rothmann aus Martinroda. Sie alle versprachen sich von der Ausreise eine bessere Zukunft in Frieden und Freiheit, fernab der drückenden Steuerlast und der seit Jahren so mageren Ernten im kargen, steinigen Boden am Rande des Thüringer Waldes.
…
Mehr: In die neue Welt: Auswanderer aus dem Geratal um 1850

