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Dorfstelle „Lütsche“ – Historie

von Alexandra

Unsere Motivation und unser Ziel bestand darin, einen Teil der Geschichte unserer heimatlichen Umgebung zu erforschen.

Emily Gaßmann, Jakob Knippschild und Manuel Günzel (Schulprojekt Dorfstelle „Lütsche“; 2023/2024)

Die Entstehung der Dorfstelle

Entlang des Baches namens Lütsche entwickelte sich ab 1536 eine bedeutende Siedlungsgeschichte. Die Initialzündung erfolgte durch eine Schneidemühle, die um 1536 erstmals erwähnt wurde und Holz zu Dielen verarbeitete, die international verkauft wurden. Trotz der Gewinne für die Schneidmüller führte dies zu einer starken Beeinträchtigung des umliegenden Waldes.

Im Jahr 1587 wurde neben der Schneidemühle ein modernes Schleifwerk errichtet, das bis 1626 betrieben wurde. Während des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1624 wurde die Mühle geplündert und teilweise zerstört, was zu mehreren Besitzerwechseln bis 1665 führte.

Die Siedlung entlang des Baches entwickelte sich weiter, und während des Dreißigjährigen Krieges entstanden eine Pechhütte und eine Harzhütte. Bis 1665 bestand der Ort aus mindestens zwei Wohnhäusern, einer Schleifhütte und einem Backhaus. Von 1697 bis zur Blütezeit im Jahr 1858 wuchs das kleine Walddorf auf einen Einwohnerbestand von 128 Personen an. Verschiedene Handwerker – darunter Hammerschmiede, Köhler, Steinbrucharbeiter sowie Mühlenbetreiber – siedelten sich in der Region an.
Die Siedlungsgeschichte zeugt von einer wirtschaftlichen Blüte durch die Mühlenaktivitäten, begleitet von den Herausforderungen und Veränderungen durch Kriege.

(Bildquelle: Archiv Harald Siefert)

Wirtschaft

Wirtschaftlich spielte die Schneidemühle eine zentrale Rolle und prägte die Entstehung und wirtschaftliche Infrastruktur von Lütsche. Die Nähe zu einem bedeutenden Handelsweg sowie ein Steinbruch, der Arbeiter anzog, waren weitere wichtige Faktoren. Die Schneidemühle wurde 1723 zu einer Mahlmühle umgebaut, und ein Schleifwerk entstand zur Versorgung der Steinbrucharbeiter.

Das Dorf gehörte kirchlich zu Gräfenroda und erhielt 1803 eine eigene Grundschule. Trotz seiner Kleinheit pflegten die Bewohner soziale Kontakte und übernahmen sogar selbst die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit. Die Gesundheitsversorgung war begrenzt, und lokale Heilpraktiker waren bekannt. In Bezug auf die Landwirtschaft versuchten sich die Bewohner in der Viehzucht und im Kartoffelanbau, und eine kleine Fischerei ergänzte ihre Nahrungsmittelversorgung.

Lütsche gehörte zum Herzogtum Gotha und lag an der Grenze einer zum Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen gehörenden Enklave. Die besondere geografische Lage machte das Dorf attraktiv für Holz- und Wilddiebe, da die Justiz beider Länder nicht einfach in das angrenzende Gebiet reichte. Die Bewohner von Lütsche hatten die Freiheit, täglich je nach Ausgang ihrer Haustür zu entscheiden, in welchem Land sie sich aufhalten wollten.

Die Karte zeigt die damalige Grenzsituation im Detail, insbesondere die Grenzen des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen (grün) und des Herzogtums Gothas (gelb).

Lütsche lag nahe an der Grenze zum Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen. Der Bach Lütsche markierte dabei die wesentliche Trennung.

Schulische Situation

1642: Die Einführung der Schulpflicht im Herzogtum Gotha hat Auswirkungen auf die Schüler in der Lütsche.

1801: Zur Lösung der Schulprobleme der Kinder aus der „Lütsche“ wird in der Nähe des Forsthauses eine Grundschule errichtet
(siehe Bild)

1802: Aufgrund eines Schulnotstands in der „Lütsche“ wird ein Urteilungsbericht veröffentlicht; die Grundschule öffnet mit 16 Schülern.

1809: Das Schulgebäude erleidet erhebliche Schäden; Reparaturen werden 1812 und 1818 durchgeführt, Bauzustand bleibt jedoch schlecht.

1823: Der Tod eines Lehrers führt vorübergehend zur Nutzung der alten Schule bis 1827.

1848: Trotz finanzieller Belastungen wird eine neue Grundschule eingeweiht.

1849: Die Bewohner ersuchen um Abschaffung des jährlichen Schulgeldes; die Entscheidung wird vorläufig getroffen.

1851-1852: Es gibt 21 Schulkinder in der Lütsche, jedoch sind die Kirchen- und Schulbesuche unzureichend.

1853: Bau einer Straße nach Oberhof zur Förderung der Besuche von Kirche und Schule

1863: Die Auflösung der Dorfstelle „Lütsche“ führt dazu, dass Schulkinder aus neu errichteten Häusern bei der Herrenmühle in die Grundschule überwiesen werden.

Ansichtskarte um 1915 mit der 1848 fertig gestellten Schule im Grund; Harald Siefert, Ansichtskartensammlung

Die Auflösung der Dorfstelle

Im Jahr 1792 erwog die Forstmeisterei Schwarzwald erstmals die Auflösung des Ortes Lütsche aufgrund von abgeschiedener Lage, Holzdiebstählen und Wilderei. Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg schränkte 1799 per Gesetz die Bautätigkeit in Waldorten, einschließlich der Lütsche ein, was 1822 von seinem Sohn Herzog August glücklicherweise aufgehoben wurde. Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha untersagte 1830 den Bau neuer Häuser in der Lütsche, um die Vergrößerung zu verhindern. 1839 beschloss er die mittelfristige Auflösung und den Verbot Hausbau und Landabgabe zu landwirtschaftlichen Zwecken.

Der Versuch, die Bewohner in Nachbarorte umzusiedeln, blieb aufgrund großer Armut erfolglos. Trotz Kritik 1848/49 schien um 1850 ein Fortbestehen möglich. Ab 1855 trieben Landesregierung und Staatsministerium die Dorfauflösung voran, mit Plänen zur Auswanderung nach Amerika oder Umsiedlung innerhalb des Herzogtums. Auswanderungsversuche 1856 und 1857 scheiterten, nur Ichtershausen war bereit, einige Familien aufzunehmen.

1858 beschloss man, alle Lütscher Immobilien durch den Domänenfiskus aufzukaufen. Die Kosten übernahmen größtenteils der Domänenfiskus, ein Viertel die Staatskasse. Die Kauferlöse sollten Eigentümern bei Auswanderung oder Heimatrecht helfen. Die Auflösungskosten stiegen von 1859 bis 1865 auf über 13.000 Taler. Das Staatsministerium kritisierte das Streben nach hohen Verkaufspreisen. Eine positive Meinung über die Lütsche gab es nicht.

1859 galt das Dorf als „erbärmliche Schlupfwinkel für Holz-Wilddiebe im Wald“. Die Häuser wurden 1859 bis 1865 meistbietend verkauft, verpachtet oder aufgeforstet. Die Lütscher Familien fanden neue Heimat in Dessau, Frankenhain, Dörrberg, Gräfenroda, Liebenstein, Manebach, Ohrdruf, Suhl und Wechmar. Einige Gemeinden verweigerten die Aufnahme wegen des schlechten Rufs oder der Armut. Nur Familie Schröder wagte 1859 von Dörrberg die Auswanderung in die USA.

Ansichtskarte um 1915 mit der 1848 fertig gestellten Schule im Grund; Harald Siefert, Ansichtskartensammlung

Fakten

Urfamilien des Dorfes

Im Jahr 1852 wohnten in dem kleinen Dorf Lütsche, 28 Familien mit 110 Personen.
Die Familien lebten oft gemeinsam in sehr kleinen, alten und brüchigen Häusern. Das Dorf bestand aus insgesamt 9 Häusern.


Der Bärenstein

In der Nähe der Lütsche- Dorfstelle am Bärenstein wurde im 17. Jahrhundert der letzte Bär durch den damaligen Förster Hans
Balthasar Harras in Thüringen erlegt. Heute steht der Stein als
Erinnerung für dieses bittere Ereignis.


Goethe

Goethe war auf der Reise von Ilmenau nach Eisenach, er hätte beinahe die Lütsche passiert. Es ist anzunehmen, dass Goethe, der jedes kleine Dorf, das er durchquerte, in seinen Notizen festhielt, auch Lütsche als Bestandteil seiner Route angegeben hätte. Da die Lütsche bei seiner Route ebenfalls einen Umweg darstellte, ist es eher unwahrscheinlich, dass Goethe dort entlangkam.


Wilderei

Die Lütsche war damals oftmals für großflächige Holzdiebstähle und vermehrte Wilderei bekannt. Es wurden dazu mehrere Taktiken angewandt, um dies möglichst unauffällig durchzuführen und gewollt unbestraft davon zu kommen. Heute ist bekannt, dass die Wilderei nicht nur in Lütsche, sondern auch in anderen, meist ebenfalls armen Orten des Thüringer Waldes betrieben wurde.


Wirtschaft

Im Walddorf Lütsche herrschte eine sehr schlechte, teilweise sogar katastrophale wirtschaftliche und soziale Situation. Es herrschte eine dauerhafte Arbeiter -und
Güterknappheit. Außerdem existierten weiterhin unzureichende Verdienst -und Arbeitsmöglichkeiten. Der Plan zur Besserung war, ein regelrechter Neubeginn des kleinen Walddorfes Lütsche, es sollte ab nun unabhängig von der Umgebung sein, das heißt ein Ausschluss von Güterlieferanten und Beihilfen. Das Dorf sollte alle Güter für den Privaten Gebrauch herstellen können. Diesem Plan konnte aufgrund schlechter Bedingungen nicht nachgegangen werden.

Textquellen :
  • Albrecht Loth; „WILLKÜR UND VERTREIBUNG – Die Geschichte des Dorfes Lütsche im Herzogtum Gotha und seine Zerstörung“, Verlag VOPELIUS Jena, 1. Auflage 2015
  • H.E. Müllerott; „Quellen zur Geschichte des Dorfes Lütsche“, Thüringer Chronik-Verlag, 2. Auflage 1999