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Heimatgeschichte – Johannes Emil „Hans“ Breuer

von Alexandra

Titelseite der Sammlung „Der Zupfgeigenhansl“ in der Einrichtung Heinrich Scherrers, 1916

Wir wollen erinnern:

140. Geburtsjahr und 105. Todesjahr von Johannes Emil „Hans“ Breuer
(30. April 1883 -20. April 1918)

– Arzt und Schöpfer des Wandervogel-Liederbuches „Zupfgeigenhansl“ –

In Deutschland bekamen die Zupforchester auch durch die sogenannte „Wandervogel-Bewegung“ spürbaren Aufwind. Als erfolgreichster Prototyp eines „Wandervogel“-Liederbuches galt die legendäre Anthologie „Der Zupfgeigenhansl“, die Hans Breuer im Jahr 1908 unter der Mitwirkung vieler „Wandervögel“ herausgab.

Mit dem umfangreichen Repertoire seines „Zupfgeigenhansl“ traf Breuer, der aus der Heidelberger Wandervogel-Gruppe „Pachanten“ hervorging und später die Leitung des „Wandervogel“, des „Deutschen Bunds für Jugendwanderungen“ übernahm, exakt den Nerv der deutschen Jugendlichen.

Binnen weniger Jahre gingen mehr als eine Million Exemplare seines „Zupfgeigenhansl“ über den Ladentisch – ein Erfolg, der sicherlich auch im Zusammenhang mit der Verbreitung deutscher Jugendherbergen stand. Nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ setzte der „Zupfgeigenhansl“ neue Maßstäbe.

Indem er sich auf Musikgeschichte besann und Lieder des Spätmittelalters und der Renaissance einbezog, zu denen eine schlichte „Klampfen“ Begleitung nicht passte, förderte er unter den „Wandervögeln“ die gründliche Auseinandersetzung mit dem Instrumentalspiel, die ernsthafte Beschäftigung mit der Musik.

Die Heidelberger „Pachanten“, darunter Hans Breuer (mit Gitarre auf dem Rücken), der Herausgeber des „Zupfgeigenhansl“ und Mitbegründer des deutschen „Wandervogels“, Photographie, 1909
Die Heidelberger „Pachanten“, darunter Hans Breuer (mit Gitarre auf dem Rücken), der Herausgeber des „Zupfgeigenhansl“ und Mitbegründer des deutschen „Wandervogels“, Photographie, 1909

Sie war zu Beginn der „Wandervogel-Bewegung“ keinesfalls selbstverständlich. Es scheint, als ob sich die jugendlichen Naturfreunde ihr bewusst widersetzt hätten, sei es aus Trotz, um sich gegen das Bildungsbürgertum der Eltern zu stemmen, sei es aus einer Haltung des sich Verweigerns heraus in einer verhassten gesellschaftlichen Ordnung, sei es aus ästhetischen Gründen, um ein schlichtes, aber ehrliches Musizieren gegenüber den hochglanzpolierten, technisch vordergründigen Virtuosentums zu privilegieren.

In Hans Breuers „Zupfgeigenhansl“ fand der Wandervogel früh sein Wahrzeichen. Die aus ihm hervorgegangene Jugend-und Jugendmusikbewegung erschöpfte sich jedoch nicht im Protest. Der Rückgriff auf das altdeutsche Volkslied und die Wiederentdeckung alter Musik sollten zur Entstehung einer neuen Musikkultur, wenn nicht gar einer neuen Gesellschaftsordnung beitragen.

Die Konzertprogramme und –berichte jener Jahre liefern ein lebendiges Bild von den künstlerischen Aktivitäten der Mandolinen-Chöre und belegen die enge Verknüpfung von „Wandervogel“- Lied (Volkslied) und dem Ensemblespiel von Zupfinstrumenten.

Welche Faszination die „Wandervogel“ Bewegung“ auf weite Teile der deutschen Jugend ausübte, erhellt auch die Entwicklung des jungen Bertolt Brecht, der mit ihr während seiner Augsburger Schulzeit in Berührung kam.

„Die Wandervögel“, Ölgemälde von Otto Höger, 1916
„Die Wandervögel“, Ölgemälde von Otto Höger, 1916

Auch die „Wandervögel“ seiner Heimatstadt opponierten. Sie fielen durch die Eigenständigkeit auf, durch ihr freiheitliches Denken, das die Lehrer allerdings am „Königlich Bayrischen Realgymnasium“ bekämpften, indem sie eine Art Gegenbund gründeten, der die vormilitärische Erziehung ihrer Schüler fördern sollte. Doch die repressive Haltung der
Pädagogen konnte den Augsburger „Wandervogel“ nicht eliminieren, vielmehr trug sie dazu bei, dass seine Mitglieder am Widerstand wuchsen und sich profilierten.

Die Antihaltung und die Gegenkultur des „Wandervogel“ gefielen dem Gymnasiasten Brecht, vor allem das bevorzugte Instrument der Bewegung, die Gitarre. Er nahm Unterricht, kaufte sich Breuers „Zupfgeigenhansl“, legte seine berühmte „Klampfenfibel“ an – und ging mit der Gitarre auf die Walz, so berichten seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1918:

„Wir sind die ganze Nacht gewandert […]. Der Rucksack grub uns in die Erde.
Und der Stock ging weiter, als die Füße nicht mehr mochten. Jetzt ists wundervoll.
Ein großer Wind geht auf der Kuppe.
Drunten graue Waldberge und der Mond sinkt hinunter wie eine orangegelbe Ampel seidenverschleiert […].

Gestern spielte ich Gitarre in einer Waldschenke und wir kriegten Milch dafür und Butter, die hier selten sind.
Ich sang ganz richtig, viel besser als daheim.“

Dieser, Brechts Schilderung in ihrer romantischen Grundhaltung, war auch Hans Breuer im Geist des „Wandervogel“ verpflichtet.

Schauen wir in die Biographie von Johannes Emil, in das schicksalhafte Leben der jungen Familie Breuer. Vor 140 Jahren wurde „Hans“ in Gröbers, bei Halle/ Saale, geboren. (STA Schwoitsch, heute Kabelsketal, GE: 35/1883)

Die Eltern übernahmen in Bunzlau/ Schlesien 1889 eine Glasfabrik seines Großvaters. Breuer wurde dort eingeschult und wechselte 1893 auf das Gymnasium. Fünf Jahre später zog die Familie nach Berlin-Schöneberg. Hans besuchte dort das Steglitzer Gymnasium, wo er 1899 Mitglied des Wandervogels um Hermann Hoffmann wurde. Durch seinen Musiklehrer Max Pohl lernte er das ältere deutsche Volkslied kennen und schätzen. Er gehörte dort zur Gruppe um Karl Fischer und wurde dadurch „Scholar“ (Gruppenmitglied) und später „Bachant“ (Gruppenleiter) im 1901 gegründeten „Wandervogel-Ausschuss für Schülerfahrten“ (Wandervogel-AfS). Nachdem Breuer 1903 das Abitur als Jahrgangsbester bestanden hatte, studierte er in Marburg, Tübingen, München und Heidelberg Medizin, Kunstgeschichte und Philosophie.

Porträt Hans Breuer, um 1910. (wikipedia.org. Hans Breuer)
Porträt Hans Breuer, um 1910. (wikipedia.org. Hans Breuer)

In seiner Heidelberger Zeit gründete er 1907 die Heidelberger „Pachantey“, die durch ihre Orientierung auf Volkslied und Volkstanz den Stil der Wandervogelbewegung nachhaltig beeinflusste.

Ab 1908 war Breuer Mitglied in der Bundesleitung des WVDB, 1910/1911 war er dessen Bundesleiter. Er gab im Jahr 1909 den „Zupfgeigenhansl“ heraus. Dieses Liederbuch erfuhr eine sehr weite Verbreitung sowohl in der Jugendbewegung als auch in der Jugendmusikbewegung. Bis 1936 wurden über eine Million Exemplare verkauft.

Hans Breuer promovierte 1910, war zunächst Assistenzarzt in einigen Ost-und süddeutschen Städten. Am 31. Mai 1913 hatte er seine Wandervogelfreundin Katarina Maria Elisabeth („Lies“) Riegler (1894-1917) in Heidelberg geheiratet. (STA Heidelberg, HE: 212/1913)

In demselben Jahr haben sie in Gräfenroda, heute Goethestraße 28, ein zuhause gefunden. Hans Breuer hatte als promovierter Arzt eine Praxis im Ort übernommen.
Das Portal literaturland-thüringen.de vermerkt zu Bad Elgersburg „1913 ließ sich nach seiner Hochzeit hier der Arzt Hans Breuer nieder“. Diese Information konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Hingegen vermeldet die Kartei des Gräfenrodaer Einwohnerverzeichnisses von 1913:

Auszug aus dem Einwohnermeldeverzeichnis Gräfenroda aus 1913. (Ortsarchiv Gräfenroda)
Auszug aus dem Einwohnermeldeverzeichnis Gräfenroda aus 1913. (Ortsarchiv Gräfenroda)
Hans Breuer, Arzt an der Front, Zeichnung vermutlich von einem seiner Kameraden in Frankreich. (HG 1934/24,185)
Hans Breuer, Arzt an der Front, Zeichnung vermutlich von einem seiner Kameraden in Frankreich. (HG 1934/24,185)

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges zog der Mediziner freiwillig in das Gemetzel, obwohl er wegen starker Kurzsichtigkeit Feld-und garnisonsuntauglich geschrieben worden war.

Nach kurzer Dienstzeit als Sanitätsgefreiter wurde er noch 1914 zum Assistenzarzt und 1916 zum Oberarzt befördert.

Sohn Karl Philipp Hans Wolfgang wurde ein Jahr später, am 3.2.1917 in Heidelberg geboren. (STA Heidelberg, GE 99/1917)

Vermutlich hat „Lies“ das gemeinsame Kind deswegen in ihrer Heimatstadt zur Welt gebracht, weil ihr Vater, Philipp Ludwig Riegler, Verwalter der städtischen Frauenklinik war. Doch starb die junge Mutter, wie dies der Sterbeeintrag des Standesamtes Arnstadt belegt, am 8.11.1917 (STA Arnstadt, STE 347/1917), einige Monate nach der Geburt des Sohnes, nur wenige Monate, bevor ihr Mann fiel.

Ihr Sohn wuchs in Königsberg bei der Schwester seines Vaters auf, wo er 1935 an einer unheilbaren  Knochenmarkerkrankung verstorben ist. (STA III Königsberg 873/1935)

Das Leben von Hans Breuer fand noch im letzten Kriegsjahr 1918 auf „Frankreichs Erde“ sein Ende. Der erst 35-jährige Regimentsarzt erlag der Verwundung, die er sich bei Kämpfen am Ornesrücken zugezogen hatte.

Wie auf der Gedenkinschrift der biedermeierhaften, rosenkranzgeschmückten Muschelkalk-Stele eingraviert wurde, ist er am 20. April 1918 im Lazarett Merles bei Verdun verstorben, nachdem er am Vortag in einem Sanitätsstand verschüttet worden war. Bestattet wurde Breuer auf dem Soldatenfriedhof Mangiennes.

Das Familien-Grabmal Breuer, dem später sinnbildhaft ein bronzener Singvogel aufgesetzt wurde, hat nach der Auflösung der Originalgrabstätte einen würdigen Aufstellungsplatz am Eingang der städtischen Grünanlage des Bergfriedhofs von Heidelberg gefunden.

In der Neuauflage des Zupfgeigenhansl 1918 erschien statt eines Vorworts ein Nachruf auf Hans Breuer, in dem es unter anderem heißt:

„Irgendwo in Frankreich vermodert sein Leib, das Werk Hans Breuers aber
wird fortleben, solange noch ein Wandervogel und Wanderer singt.“

Familiengrab auf dem Bergfriedhof Heidelberg mit Gedenkschrift für Hans Breuer ( Foto: Friedhofsverwaltung Heidelberg)
Familiengrab auf dem Bergfriedhof Heidelberg mit Gedenkschrift für Hans Breuer ( Foto: Friedhofsverwaltung Heidelberg)

Ehrungen

In seinem Geburtsort Gröbers erhielt 1993/1994 im Zusammenhang mit der Erschließung eines neuen Wohngebietes im Ortsteil Schwoitsch eine Straße seinen Namen.

Nach ihm wurden die 1931 eingeweihten „Jugendherberge Hans Breuer in Schwarzburg (von 1945 bis 1990 „Jugendherberge Georgi Dimitroff“) und die „Hans-Breuer-Altwanderer-Herberge“ in Inzmühlen (später „Hans-Breuer-Hof“) benannt.

An Hans Breuer, dessen Andenken in der „Hans-Breuer-Stiftung“ zur Pflege des deutschen Liedguts in Hamburg weiterlebt, erinnert in Heidelberg eine von dem Bildhauer Helmut Waldherr geschaffene, in der Jugendherberge stehende, Porträtplastik sowie eine am Haus Klingenteichstraße 27 angebrachte Gedenktafel.

Im „Ehrenhain der deutschen Jugendbewegung“ bei Burg Waldeck/Hessen wurde ihm ebenfalls ein Gedenkstein gesetzt.

Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus von Hans und Elisabeth Breuer in Gräfenroda, Friedrichstraße 28, heute Goethestraße 28.Foto Jochen Ehrhardt, 2023
Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus von Hans und Elisabeth Breuer in Gräfenroda, Friedrichstraße 28, heute Goethestraße 28.Foto Jochen Ehrhardt, 2023

Am Wohnhaus von Familie Breuer in Gräfenroda erwähnt eine kleine Gedenktafel das Wirken des Vaters.

Das Hauptanliegen von Johannes Emil („Hans“) Breuer war es, die Sangeskunst im Wandervogel zu veredeln, und im Volkslied sah er nahezu den musischen Ausdruck der Wandervogelideale.

Rotraut Greßler und Jochen Ehrhardt

Anfragen erfolgten in den Standesämtern Arnstadt, Heidelberg, Kabelsketal, im Stadtarchiv Heidelberg sowie in der Friedhofsverwaltung Heidelberg.

Folgende Literatur wurde dem Text zugrunde gelegt:
• Der Heidelberger Friedhof im Wandel der Zeit. Schriftenreihe des Stadtarchivs Heidelberg. O. J. S.111/112.
• Henke, Matthias: Das große Buch der Zupforchester. Hrsg. Bund der Zupfmusiker. München 1993. 590 S. zahlr. Ill.

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