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Mein lieber Herr Kühn

Eine uhrgeschichtliche Zeitreise und ein Jubiläum in Elgersburg.

von Alexandra

Osterspektakel auf Schloss Elgersburg! Ich schaue aus dem Fenster im oberen Stockwerk hinunter auf den Innenhof und beobachte die Menschen, die auf dem Schlosshof neugierig lustwandeln. Ab 12.00 Uhr wird das Fest eröffnet. So verkünden es weiße Schriftzüge auf einer schwarzen Tafel am Eingang zum Hof. Es ist jetzt zehn Minuten vor Beginn; ich habe keine Armbanduhr und auch kein Handy, die mir die Zeit zeigen. Ich schaue auf das Zifferblatt der Uhr am Burgfried. Die römischen Ziffern in Plattgold auf dunkelblauen Grund leuchten mir entgegen. Es ist ein herrlicher Tag im späten Frühjahr. In zwei Stunden werde ich als Frau Katharina Luther auftreten. Jetzt habe ich noch Zeit. Ich will sie nutzen und habe vor, meinen Text noch einmal durchzulesen und dabei auf die Turmuhr  zu schauen. Doch ehe ich die Mappe aufschlage, höre ich die Uhr! Es ist ein dumpfer Klang, der die Mittagsstunde einläutet. Schon ist der 12. Glockenschlag mit einem schwingenden Nachton verhallt. Nun sind Erinnerungen in mir hellwach!

Mein lieber Herr Kühn, ich muss augenblicklich an Sie denken. In einer von mir vor etlichen Jahren verfassten Herausgabe über alte Handwerke in einem Thüringer Flecken habe ich das Gründungsjahr 1816 gefunden. Das brachte mich auf den Gedanken, Ihrer Familie, den Turmuhren-Kühns, nach 200 Jahren eine Festschrift zu widmen. Ich wusste, dass eine Nachfahrin, eine Ihrer Ur-Ur-Urenkelinnen, einen komplexen Familien-Stammbaum erstellt hatte und ich wusste auch, dass ein fleißiger Sammler von Archivalien die Umsetzung von meinem Vorhaben vervollkommnen würde. Ursula Schwientek, Harald Siefert und ich sind, wie Sie, Gräfenrodaer. Unserem Heimatort gilt unser geschichtliches Interesse. Intuitiv starteten wir zu dritt vor fünf Jahren das Projekt Kühnsche Turmuhren. Wir drei empfanden es als eine uneigennützige Verpflichtung, die gepaart wurde mit einer Fülle von Respekt gegenüber Ihnen und Ihren Nachfahren. So gibt es neben Ursula Schwientek eine weitere Nachfahrin: Agathe Müllich. Die heute über 80jährige hat uns voller Stolz handschriftliche Zeitzeugen, Kühnsche Briefe, geliehen. Diese, Ihre Korrespondenzen, lieber Herr Kühn, wurden von einer Zeitepoche in die andere gegeben und von Frau Müllich bis heute bewahrt! Wir waren begeistert!  Das, was wir fanden, was wir recherchierten und dokumentierten, erstaunte und faszinierte uns und wir beschlossen, ein profundes Werk herauszugeben. Am 19. November 2016 jährte sich der Todestag ihres Ur-Enkels Walter zum 70. Male. Ehre, wem Ehre gebührt! In der St. Laurentius-Kirche Ihres Heimatortes und dem Ihrer Familie wurde mit dem Glockenschlag 16.00 Uhr das Buch  „Kühnsche Turmuhren aus Gräfenroda“ vorgestellt. In diesem Werk ist eine ganz besondere Turmuhren-Geschichte beschrieben: Wie Sie, ein 47jähriger Schlosser und zwei Gesellen, mit Ihrem Uhrzeitlichen Handwerk dem damals 600-Seelen-Dorf  Gräfenroda an der Wilden Gera zu Aufschwung und Wohlstand verholfen haben, welche Aufträge Sie von nah und fern bekommen haben, wie die anfänglich kleine Manufaktur, die Schlosserei,  zu einer der ältesten Fabriken in Deutschland aufstrebte! Wie Sie und Ihre Familien gelebt haben, wie Sie und Ihre Nachfolger einen Handwerksbetrieb in 156 Jahren über mehrere Staatsformen und wirtschaftliche Auf- und Abschwünge regelrecht manövrierten! Lieber Herr Kühn, das waren Meisterleistungen! Wir haben sie in Texten, in farbigen Bildern und in einer Karte festgehalten. Diese Ortskarte ist übersät mit Standorten, die den Lesern zeigen, wo heute noch Kühnsche Ur-Uhrwerke schlagen. Das älteste steht in Elgersburg!

Mein lieber Heinrich Kühn! Vor 200 Jahren waren Sie hier – 52jährig sind Sie womöglich von Gräfenroda nach Elgersburg gelaufen; Sie haben den Hügel zur Burg erklommen und vielleicht in einer verdienten Verschnaufpause den herrlichen Ausblick auf den damaligen Kurort Bad Elgersburg schweifen lassen. Haben Ihre drei Söhne Heinrich jun. , Friedrich und Peter Sie etwa begleitet? Ich sehe Sie vor mir: der älteste ist 26, der mittlere ist 16 und der jüngste 12. Einer der Jungen trägt die Werkzeuge, der andere die Rollen mit Zeichnungen unter dem Arm und der jüngste den Beutel auf dem Rücken mit Verpflegung. Ob Friedrich, Ihr zweiter Filius, schon fühlte, dass er in Ihre Fußstapfen treten würde?

Lieber Heinrich Kühn! Dieses Uhrwerk, mit Ihren Händen gefertigt, schlägt heute noch tadellos. Ihr Sohn Wilhelm hat es 1906 sozusagen generalüberholt. Später bekam es einen elektrischen Motoraufzug. Ein Elgersburger, Herr Friedrich Langenhan, hat die Uhr zuvor jahrelang mit der Hand aufgezogen; heute hegt und pflegt er sie. In vier Jahren könnte im Ort ein großes Fest veranstaltet werden: Die Kühnsche Turmuhr feiert dann ihren 200jährigen Geburtstag. Ich möchte schon gerne dabei sein und von Ihnen und dem Werdegang Ihrer Familie erzählen. Das Uhrwerk von 1816, die Arbeit Ihres ersten Auftrages, schlägt heute nicht mehr. Ihr Sohn Friedrich hat vierzig Jahre später die Technik repariert. Vor 65 Jahren holten Gräfenrodaer Heimatfreunde Ihr „U(h)rbauwerk“ nach Hause. Leider landete es später angeblich auf einem Schrottplatz. Heute existiert nur noch der Glockenhammer, der über 150 Jahre die halben und vollen Stunden im Turm der St. Bartholomäi-Kirche geschlagen hat. Die Dornheimer haben seit 1947 das zweite Uhrwerk aus Gräfenroda. Es wird wöchentlich von dem einheimischen Uhrenwart Herrn Krisch per Hand aufgezogen. Ich weiß, dass in Ihrer Schaffenszeit vierzehn Turmuhren gebaut wurden. Unter der Mitwirkung Ihrer Söhne firmierte die Firma 1829 unter „Johann Heinrich Kühn & Söhne“. 1843, im Jahr Ihres  Todes, verehrter Herr Kühn, trennten sich die Jungen, reparierten aber noch da und dort Turmuhren. Heinrich jun. gründete später in Gräfenroda eine Holzwarenfabrik und baute eine Schneidemühle auf. Peter ist bei einer Suhler Firma Betriebsleiter geworden und war sehr anerkannt wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten. Friedrich ist nun doch in Ihre Fußstapfen getreten. Die Kühns jun. bekamen 1853 beispielsweise auf der ersten allgemeinen thüringischen Gewerbeausstellung in Gotha eine Auszeichnung von höchster Stelle überreicht und eine öffentliche Belobigung, vom Herzog Ernst II. womöglich persönlich ausgesprochen? Der stellte sogar seine Gemächer im Schloss Friedenstein mehrere Tage aus diesem Anlass zur Verfügung. Jedenfalls wären Sie sicher sehr stolz auf Ihre drei Söhne. Von Friedrich habe ich einen ganz besonderen Schatz: seine in Sütterlin-Schrift geschriebenen Tagebücher. Diese Hefte haben die Zeit überstanden und sind nun in meinem Besitz. Ich habe Wort für Wort gelesen! Fast täglich vermerkte er Ein- und Ausgaben, über  drei Jahrzehnte! Er hat seiner Nachwelt einen nicht hoch genug zu schätzenden, wunderbaren Dienst erwiesen. Wann und wo Turmuhren eingebaut und repariert wurden, steht dort schwarz auf inzwischen etwas verblichenem Papier. Diese Notizen sind Zeugnisse seiner Zeit, in der er mit seiner Familie, mit seinen Mitarbeitern gelebt hat. Wie strapaziös muss es gewesen sein, die Uhren damals noch mit Fuhrwerken zu transportieren. Ich denke dabei daran, wie Sie es wohl geschafft haben, 1859 von Gräfenroda nach Kornhochheim und nach Apfelste(ä)dt unbeschadet Uhrwerke zu liefern. Respekt! Heute steht das Apfelstädter im Kirchenraum der St. Walpurgis-Kirche. Pfarrer Bernd Kramer hält ein wachsames Auge darüber. Mit dem 158 Jahre alten Kornhocheimer Uhrwerk hat es eine ganz besondere Bewandtnis: Es schlägt noch im Turm der St. Nikolaus-Kirche! Ein 74jähriger Uhrwart, Herr Rolf Weidemüller, hat es jahrelang gepflegt und aufgezogen und ist deshalb täglich auf steilen Leitersprossen nach oben unter den Turm geklettert! Seit kurzem hat er diese Arbeit in die Hände seiner Nachfahren gegeben! Seine 10jährige Enkelin Lena begleitet ihre Mutter nun bei dieser wichtigen Zeit-Arbeit. In Ingersleben hat Ihr Sohn Friedrich das erste Uhrwerk 1855 in den Turm der St. Marienkirche eingebaut, auch Ihr Enkel Wilhelm war  in dem kleinen Ort am Flüsschen Apfelstädt, etwa vierzig Jahre später. Vielleicht hatte er den Auftrag für ein neues Werk bekommen oder vielleicht hatte er das seines Vaters nur repariert? Anfang der 1950ger Jahre ist der durch Bombenhagel im April 1945 zerstörte Kirchtum wieder aufgebaut worden. Danach bekam er vier Zifferblätter und das nunmehr dritte Uhrwerk aus dem Hause „Kühn“. Es wird von Herrn Dieter Manns wöchentlich per Hand aufgezogen. Wirkliche Meisterleistungen in jeder Hinsicht! Das würden Sie sicher auch so empfinden, lieber Herr Kühn. Aus der Werkstatt Ihres Sohnes Friedrich sind 140 Turmuhren hinaus in die Welt gegangen sind. Was wäre passiert, wenn er sein Vorhaben wahr gemacht hätte, und wie seine Tochter Agathe, Ihre Enkelin, und wie viele andere in dieser Zeit, nach Amerika ausgewandert wäre? Ich möchte diesen Faden jetzt lieber nicht weiter spinnen … Jedenfalls war die Genehmigung der herzoglichen Kammer 1852 erteilt worden, so steht es in Friedrichs Tagebuch. Er ist in seinem Heimatort geblieben und die Ära Kühn wurde so fortgeführt: Friedrichs Sohn Wilhelm erlernte auch das Handwerk der Schlosserzunft. Er war 18 Jahre, als er 1866 in einen unsinnigen Kampf ziehen musste. Nicht weit von Gräfenroda, in Langensalza, tobte eine sinnlose Schlacht im so genannten Deutschen Krieg! Wilhelm war einer der Soldaten, die zwischen den Fronten kämpfen mussten. Vier Jahre später ist er für den Deutsch-Französischen Krieg rekrutiert worden. Friedrich hat das ohne Pathos in einem seiner kalendarischen Tagebücher notiert. Er war sicher glücklich, als er 1871 eintragen konnte: Meinen Sohn von Coburg abgeholt nach Hause! Wilhelm heiratete und gründete eine Familie. Der ausgebildete Schlosser und junge Familienvater wurde Geschäftsführer in dritter Generation. Die Geschäfte florierten. Im neuen Jahrtausend wurde am Haus angebaut und die Firma expandierte. Doch der 31jährige Walter, Ihr Ur.-Enkel, musste 1914 für den deutschen Kaiser den Schlosseranzug gegen einen Soldatenrock tauschen. Sechs Monate nach seiner Einberufung wurde Ihre Ur-Urenkelin Erika geboren. Der Vater hatte seine Tochter als Vierjährige das erste Mal gesehen! Er übernahm das Geschäft nach dem Tod seines Vaters 1919 und führte es mit Mut, Geschick und Weitsicht durch die kommenden Jahre wirtschaftlicher Auf- und Abschwünge! Das Ehepaar Kühn feierte 1935 seine Silberhochzeit, Tochter Erika heiratete 1940. In das Familienglück hinein platzten Bordwaffen der Airforce, von einer wurde Erika 1945, kurz vor Ende eines zweiten wahnsinnigen Weltkrieges, getötet. Vater Walter ist ein Jahr später verstorben. Seine Witwe Hedwig hatte testamentarisch die Geschicke um das Geschäft in die Hand genommen. Ich vermute, dass sie eine sehr tapfere Frau war, so wie die Ehefrau von Wilhelm, Agathe, und von Friedrich, Johanne. Hedwig erlebte noch den Fortgang Ihres Familienunternehmens mit dem Pächter Helmut Heinz, der ab 1947 den Betrieb weitere zehn Jahre mit den Erfahrungen eines Schlossers durch die Nachkriegszeit manövrierte. Er war Kenner der „Turmuhrbauer-Materie“. Ihr Enkel hatte ihn ausgebildet, wie auch Erich Kloß. Dieses Gräfenrodaer U(h)rgestein war der letzte Pächter, bis 1972. Seinen Meistertitel erlangte er durch den Bau eines Zeitmessers, den er 1959 für das Rathaus in Waltershausen lieferte. Heute steht das Kloßsche Meisterstück wieder am Ursprung seiner Uhrgeschichte, im Heimatmuseum Ihres Wohn- und Wirkungsortes. Dieses Uhrwerk ist vermutlich das letzte aus der Werkstatt „ Heinrich Kühn & Söhne, Wilhelm und Walter Kühn“.

Verehrter Heinrich Kühn, Sie sind der Gründer dieser Firma, die 130 Jahre in vier Generationen in Familienbesitz war. Über 500 Uhren wurden hergestellt; von denen ticken heute noch ca. 200 Zeitmesser nach den ursprünglichen Kühnschen Bauweisen. Uhrwerke, wie das in der St. Johannis-Kirche Neudietendorf, zu Ihrer Zeit Dietendorf, in der St. Wenzel-Kirche Thörey, in der St. Trinitatis Kirche Molsdorf läuten und zeigen die Uhrzeit seit über 100 Jahren an! Einige sind unauffindbar, so wie das in der Kirche der Brüdergemeine in Neudietendorf und einige in Gotha und Arnstadt. Ich erinnere mich, dass ich auf meinem täglichen Weg zur Gräfenrodaer Oberschule spontan zum Kirchturm geschaut habe, wenn die Glocken läuteten, wenn der große Zeiger zur Eile mahnte, den Unterricht nicht zu verpassen. Manche meiner Mitschüler aus dem Unterdorf haben sicher die Uhr im Giebeldach Ihres Wohnhauses in der Bahnhofstraße 18 bemerkt. Dieses Uhrwerk hat Ihr Enkel Wilhelm 1911 eingebaut; es ist heute noch nach 106 Jahren funktionstüchtig!

Nun, mein lieber Herr Heinrich Kühn, die Zeit hat das getan, was sie kann: sie ist vergangen und  vorangeschritten. Mit ihrem Voranschreiten veränderten sich nicht nur die Fertigungstechniken sondern auch die Techniken der Kommunikationen rasant bis in unsere Zeit hinein. So haben wir drei Autoren nicht wie Sie mit Feder und Tinte auf Papier  handschriftlich korrespondiert. Wir haben unsere Anfragen nach Uhrwerken aus den Kühnschen Werkstätten telefonisch und per elektronischer Nachrichtenübertragungen an Auskunftsgeber, Uhrenthusiasten, Zeitzeugen gestellt. So oder so, manches Rätsel um die Uhrwerke konnten wir dennoch nicht lösen! Diese oder jene Recherchen nach Fiktivem und Hypothetischen sind in unserem Buch Enigma geblieben. Ein Schlusspunkt musste schließlich gesetzt werden! Den muss ich nun auch setzen, denn jetzt mahnt mich Ihre, die Kühnsche Uhr am Burgfried des Elgersburger Schlosses. Ich schließe das Fenster, schaue noch einmal auf das Zifferblatt. Pünktlich um 14.00 Uhr öffne ich die Tür zum Festsaal und mache mich auf in eine andere Zeitreise. Ihre Rotraut Greßler.

Dieser fiktive Brief ist an den Gründer der Turmuhrenfabrik Kühn in Gräfenroda gerichtet und  wurde als ein Beitrag für die Herausgabe einer Anthologie  der Literaturwerkstatt Neudietendorf geschrieben. Er wird hier aus Anlass des 200sten Jubiläums der Kühnschen Uhr im Wehrturm auf Schloss Elgersburg veröffentlicht. Dieses Uhrwerk wurde 1821 dort eingebaut und es schlägt noch immer nach der (Ur) Bauweise ihres Protagonisten Heinrich Kühn-eine der Meisterleistungen dieser Gräfenrodaer Handwerker-Familie in vier Generationen.

Rotraut Greßler

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