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Zeitfenster der Geschichte – Eduard Reuß

von Alexandra

Betritt oder verlässt man den Friedhof in Gräfenroda durch das kleine östliche Tor, so fallen einem wohl immer die Familiengräber in Richtung Stadel ins Auge. Das unterste Grab ist nicht nur das älteste Familiengrab auf unserem Friedhof, sondern auch das einzige erhaltene Grab eines in Lütsche geborenen Einwohners.

Hier ruht das Ehepaar Eduard und Emilie Reuß.
Emilie Reuß geb. Heißner
*28.11.1853                     †5.12.1933
Schuhmachermeister Eduard Reuß
* 4.12.1848 in Lütsche   †31.7.1935

Seit nun 85 Jahren kümmern und pflegen die noch zahlreichen Nachfahren aus Gräfenroda abwechselnd diese Grabstätte.

Im Jahr 2015 erklärte die Gemeinde das Grab zur Gedenkstätte. Sie veranlasste auf Betreiben der Familie, dass die beiden Schriftplatten und das Medaillon erneuert wurden. Das Ehepaar war auf dem alten Bild kaum noch zu erkennen. Die Platten waren von Bruchlinien durchzogen. Nach verschiedenen Absprachen mit der Firma Engl aus Crawinkel, fand man ein neues, geeignetes Bild.

Die Arbeiten wurden am 15.7.2015 durchgeführt. Der Gedenkstein mit Gedenkplatten und Verzierung gab dem Familiengrab ein neues, ein würdiges Aussehen. Die Nachfahren von Eduard Reuß sind der Gemeinde Gräfenroda dafür sehr dankbar.


Das Familiengrab nach Fertigstellung im Juli 2015

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Wer war nun dieser Eduard Reuß und warum wird auch oft heute noch so viel Widersprüchliches über ihn erzählt?

Er wurde im Haus 8 in Lütsche geboren. Eduard war das erste uneheliche Kind der Tagelöhnerin Christiane Johanne (Anne) Friedericke Henriette Reuß. Eduard hatte noch drei weitere unehelich geborene Geschwister – zwei Brüder und eine Schwester.

Die ersten Kinderjahre verbrachte er bei seiner Großmutter Anna Christiane Reuß in Lütsche. Später wohnte er mit seiner Mutter zeitweise auf der Herrenmühle. Das war zu dieser Zeit ein kleiner separater Ortsteil rund um die Mahlmühle und das Sägewerk Liebe. Hier war seine Mutter als Magd beschäftigt. Mit 5 Jahren (1853) wurde er bei Andreas Barabas Schmidt und seiner Frau Emilie geb. Werner in Gräfenroda abgegeben. Seine Mutter war sicher in einer verzweifelten Lage, war sie doch als ledige Frau zum zweiten Mal schwanger. Kurze Zeit später, im Juni 1853, wurde seine Schwester Christiane Friederike geboren. Weitere Einzelheiten dazu sind nicht bekannt.

In den Akten der Waisenversorgungsanstalt für das Herzogtum Gotha steht, dass Eduard Reuß mit 8 Jahren als Pflegesohn von Albert Werner in Gräfenroda aufgenommen wurde, weil seine Großmutter hochbetagt sei und nichts tun könne. Zu seiner körperlichen und geistigen Beschaffenheit wird ausgesagt, dass er gesund sei bis auf ein gelähmtes Bein. Deshalb sei er am Gehen behindert.

Die Schule besuchte Eduard in Gräfenroda und erlernte anschließend das Schuhmacherhandwerk bei seinem Pflegevater Albert Werner. Aus der Lehre wurde er am 1.5.1866 entlassen.

Nach einem hochpfarramtlichen Bericht vom 14.1.1870 ist E. Reusch (Reuß) ein ordentlicher Bursche und guter Schuhmacher, der zu diesem Zeitpunkt noch bei Meister Werner arbeitet. Die Zensur wird mit „ziemlich“ angegeben. Außerdem wurde ausgesagt, dass er zuweilen schon während seiner Lehrzeit die Schenke aufsuchte und um Geld Karten spielte.

Eduard Reuß heiratete am 14.2.1875 Emilie Heißner aus Gräfenroda. Das Ehepaar hatte 7 Kinder und 32 Enkelkinder. Im Jahr 1925 feierte das hochbetagte Ehepaar die Goldene Hochzeit im „Eschrichs Gasthof“. Es nahmen 97 Personen an der Feier teil.

Eduard Reuß arbeitete nach seiner Hochzeit als selbstständiger Schuhmacher. Er bildete in diesem Beruf auch Lehrlinge aus. Wann er den Titel Schuhmachermeister erworben hat, war bei der Handwerkskammer Erfurt nicht in Erfahrung zu bringen. Die Gründung der Handwerkskammer war 1920. Weiter zurückliegende Akten sind nicht vorhanden.


Das Bild zeigt Eduard Reuß (2. von links) im Alter von ca. 30-40 Jahren mit 3 Lehrlingen bzw. Gesellen.

Neben seiner Schuhmacherwerkstatt betrieb er noch eine umfangreiche Landwirtschaft. Hierbei mussten ihm wohl oft Familienangehörige, vor allem aber die Enkel, helfen.

Eduard Reuß muss ein sehr reger und fleißiger Mensch gewesen sein und war sicher auch in Geldangelegenheiten geschickt. Vier seiner Kinder bauten in den 1920er Jahren Häuser auf seinen Grundstücken in der Ohrdrufer Straße (heute „Zum Wolfstal“). Diese werden noch heute von seinen Nachfahren bewohnt.

Seine große Bekanntheit verdankt Reuß aber einer anderen Tätigkeit, er war weithin als „Heiler“ bekannt. Er soll grundlegende Kenntnisse zu Heilkräutern gehabt haben. Am bekanntesten haben ihn aber wohl seine „Besprechungen“ gemacht. Mit Hilfe eines „Werkzeugs“ soll er seine „Patienten“ besprochen und ihnen oft geholfen haben. Um das „Werkzeug“, an dem sich ein Zeiger befand, der wie ein Storchschnabel aussah, ranken sich viele Geschichten und Schilderungen. Daher kommt sein Spitzname „Starchschnabel“ –Storchschnabel.

Einige Nachfahren sind heute noch stolz auf diesen Namen und benutzen ihn, denn mit diesem lässt sich schnell erklären, zu welch großer Sippe man gehört. Es wird manchmal auch von einem besonderen Tischchen gesprochen. Aber beides, Werkzeug und Tischchen, sind nicht mehr existent oder werden streng gehütet.

Von den “Heilungen“ und „Besprechungen“ soll hier kein Beispiel folgen. Erwähnenswert scheint eine Episode, die Herr Rainer Abendroth †, ehemaliger Lehrer und Vorsitzender des Heimatvereins Gräfenroda, erzählte:
„Als ich als Kind zur Schule ging, stand vor dem Haus des Eduard Reuß in der Ohrdrufer Straße in Gräfenroda eine Kutsche mit dem Wappen derer von Schierholz aus Plaue. Wir Kinder blieben stehen, um zu sehen, wer aus dem Haus kommen wird. Dabei vergaßen wir vollkommen die Zeit. Dann kam ein Herr aus dem Haus, dessen Gesicht ganz gelb war. Sicher hatte er die Gelbsucht und hatte sich vom „Starchschnabel“ besprechen lassen. Ob er gesund geworden ist, ist mir nicht bekannt. Wir Kinder kamen aber wegen dieses Ereignisses alle zu spät zu Schule.“
Ob dieses Vorkommnis mit der damals üblichen Tracht Prügel oder einer Ohrfeige bereinigt wurde, ist nicht überliefert.

Der folgende Ausschnitt aus den Heimat=Glocken von 1929 zeigt sehr deutlich die tiefe Verbundenheit der alten Lütscher mit ihrer Heimat.

Zum ersten Mal wird hier von „seinem kleinen Gefährt“ gesprochen. Heute ist uns der Begriff Krankenfahrstuhl geläufiger.

Aus den Heimat=Glocken von 1933:

Heute Nachmittag 5 Uhr verschied nach langem, schweren, geduldig ertragenem Leiden, meine innigst geliebte Gattin, Mutter, Schwieger-, Groß-, Urgroßmutter und Schwester Frau Emilie Reuß


Hier sehen wir Eduard Reuß am Grab seiner Frau Emilie.
Die Beerdigung fand am 9. Dezember 1933 statt.

Nur noch wenige Jahre waren Eduard Reuß vergönnt. Sein hohes Alter, zunehmende körperliche Beschwerden, die Lähmung am Bein und der Tod seiner Frau waren wohl eine große Last. Er starb am 31.07.1935 an einer Blasenentzündung. In den Heimat=Glocken lesen wir dazu:
Nach kurzer schwerer Krankheit starb im Krankenhaus Eduard Reuß im 87. Lebensjahr. Mit ihm ist wieder ein alter Lütscher heimgegangen, der treu an seiner alten Heimat hing.
Vielen Heilungs- und Ratsuchenden weit und breit war er ein Helfer, der unbedingtes Vertrauen genoss.
Ehre seinem Andenken!

 

In der Ausstellung „Unser Lütschedorf – Fakten und Legenden“ in der Heimatstube in Frankenhain wird besonders an ihn erinnert.

Viele Leihgaben aus seinem persönlichen Nachlass wurden uns von den Nachfahren zur Verfügung gestellt. Die obigen Ausführungen zum Lebenslauf von Eduard Reuß wurden einer Dokumentation entnommen, die seine Urenkelin Ursula Schwientek dem Heimat- und Verkehrsverein Frankenhain 2014 überreichte.

Ihnen allen gilt unser besonderer Dank für die Unterstützung.

Heidemarie und Helmut Hendrich

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